Textatelier
BLOG vom: 08.07.2011

Fischotter-Schau in Altreu: Loch-Ness-Ungeheuer entlarvt

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Den Bibern (in der Schweiz leben etwa 400 von ihnen) und mir gefällt es im aargauischen Biberstein CH ausgezeichnet. Zwar haben wir praktisch keinen Kontakt, obschon wir alle nachtaktiv sind. Unsere Lebensräume sind zwar nur etwa 300 m voneinander entfernt, aber etwas verschieden gestaltet.
 
Von der Anwesenheit der Biber erfahre ich nur durch ihre Frassspuren und umgelegte Bäume. Andernfalls würde ich sie sofort erkennen. Wenn sie auftauchen würden, gäbe es kaum Unterscheidungsprobleme mit ungeliebten, aus Nordamerika eingeschleppten Bisamratten (Nordjura, Nordostschweiz und Alpenrheintal) oder gar dem Fischotter, der auch als Wassermarder bezeichnet wird – weil es die Letzteren in der Schweiz nicht mehr gibt. Nach den Feststellungen der Organisation „Wildtier Schweiz“ (www.wild.unizh.ch) besteht wenigstens die Chance, dass der Fischotter von Osteuropa her in die Schweiz einwandern könnte ... allerdings ist er ein beschaulicher Wanderer, so dass das noch etwa 50 Jahre dauern könnte (so Hans Schmid in der Zeitschrift „Wildbiologie“ 1/38a vom März 2005). Und wie dann die Lebensbedingungen und damit die Ottertauglichkeit unserer Biosphäre sein werden, kann niemand vorhersagen. Flussrevitalisierungen wären für sie ein Segen, technische Anlagen aber immer ein Problem, weil diese die Lebensräume zerschneiden. Die unergiebige Alternativenergieförderung verspricht auch für die allerletzten Fliessgewässer nichts Gutes.
 
Lutralutra
Wie man aus dem politischen Alltag in der Schweiz weiss, werden nicht alle Zuwanderer so sehnlich erwartet wie der Fischotter (Lutra lutra), gilt er doch als Flagschiffspezie, das heisst, er ist ein Indikator für eine lebenswerte, natürliche Umwelt. Die eigens dafür ins Leben gerufene Stiftung pro lutra (www.prolutra.ch) tut alles, um uns Schweizer auf die Ankunft einzustimmen, um den Fischottern einen gebührenden Empfang (ohne Böllerschüsse aus Jagdgewehren) zu bereiten. Dazu gehört zurzeit eine Ausstellung „Lutralutra – eine Chance für den Fischotter“ im Hochstudhaus des Infozentrums Witi innerhalb des Storchendorfs Altreu (Gemeinde Selzach, Kanton Solothurn), die in Zusammenarbeit mit dem Bündner Naturmuseum, dem Zoo Zürich und dem Zürcher Tierschutz entstanden ist (der Eintritt ist frei). Zudem spürt im Rahmen des Projekts Lutra alpina ein internationales Team den Wassermardern nach, insbesondere in der österreichischen Steiermark, wo diese Tiere seit 15 Jahren wieder eine Heimat gefunden haben. 7 Fischotter (5 Weibchen und 2 Männchen) sind mit einem Sender markiert worden. Dieses Schicksal, vergleichbar mit Menschen, die den ganzen Tag am Handy hängen, hilft ihnen zwar auch nicht weiter, aber es nützt den Biologen bei der Erforschung ihrer Lebensbedingungen. Das ist eine schwierige Aufgabe, weil die Eurasischen Fischotter, die bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der ganzen Schweiz verbreitet waren, kaum zu sehen sind, höchstens ihre Spuren – eine ähnliche Nicht-Erscheinung wie bei den Bibern. Vorder- und Hinterfüsse haben 5 mit Schwimmhäuten verbundene Zehen, die mit Krallen versehen sind.
 
Auf der Speisekarte der Fischotter stehen logischerweise vor allem Fische, aber auch Amphibien, Krebse, Vögel, Reptilien und kleine Säugetiere. Bei der Nahrungssuche tauchen Otter höchstens 6 m tief. Die von ihnen bevorzugten Delikatessen müssen gut erreichbar sein; übervolle Fischzuchtanstalten sind für sie ein Traum. Seichtes Wasser, wo kaum ein Mensch auftaucht, ist für sie im Übrigen deshalb das ergiebigste Jagdrevier, aber auch kleine Bäche. Sie können sich rund ums Jahr fortpflanzen, wie wir Menschen das ja auch tun, wenn wir nicht gerade anderweitig beschäftigt sind.
 
Ausrottungsstrategien
Der Fischotter hat seine neue Chance mehr als verdient, eine Wiedergutmachungsmassnahme, wurde er doch Opfer von Ausrottungsstrategien, weil er als Konkurrent der Fischer erkannt wurde. Auch der Katholizismus wollte bei der Ausrottung nicht zurücksehen und erkor den Fischotter zur beliebten Fastenspeise, gebeizt in Salz, Essig und Rotwein. Mit dem schweizerischen Fischereigesetz von 1888 wurde das Todesurteil über diese Tierart ausgesprochen. Die Jagd auf den Fischotter wurde noch staatlich gefördert (der Staat war merkwürdigerweise schon immer ein Jagdförderer, immer auf der Seite der Jäger, auch heute). Der Bund finanzierte sogar Ausbildungskurse für Fischotterjäger und Hunde, die speziell auf das Otterjagen abgerichtet wurden. Ein Verbot der Bejagung des Fischotters wurde erst 1952 auf Betreiben des Zoologen und Zoodirektors Prof. Heini Hediger (1908‒1992) erlassen, als es noch höchstens 150 solcher Tiere gab. Doch auch sie verschwanden auf unergründliche Weise. 1989 wurde der letzte wildlebende Fischotter in der Schweiz am Neuenburgersee gesehen (Hans Schmid). Ein Wiederansiedlungsprojekt mit 4 Fischotterpaaren scheiterte ... und wiederum fand man die Ursachen nicht heraus. Dazu könne auch die Belastung der Nahrungsfischen mit Polychlorierten Biphenylen (PCBs) beigetragen haben, nahm man damals an. Später wurde herausgefunden, das die PCB-Hypothese überschätzt wurde.
 
Marder und Pelze
Die Marderartigen (Mustelidae) wie Mauswiesel, Iltis, Hermelin, Baummarder, Steinmarder und Dachs, wozu auch die 12 Otterarten gehören, gelten als erfolgreiche Tiergruppe, haben aber der Gewehrmunition nichts entgegenzusetzen. In Nordamerika gibt es auch den Seeotter (Enhydra lutris), der laut einem Bericht im National Geographic vom Oktober 1971 damals an die nördliche Westküste zurückgekehrt ist („Return of the Sea Otter“). Zuvor waren ihm neben Lebensraumzerstörungen vor allem die Pelzjäger zum Verhängnis geworden.
 
Wenn Fischotter Ungeheuer spielen
Unser europäischer Fischotter hat einen langen, stromlinienförmigen Körper und einen langen Schwanz. Der abgeflachte Kopf geht direkt in den Körper über; es gibt also keine Einbuchtung für den Hals. Jetzt stelle man sich einmal eine ganze Fischotterfamilie vor, die ihre Köpfe und den darunter nahtlos angesetzten Körperschlauch auf engem Raum aus dem Wasser streckt. Das sieht doch tatsächlich wie das mehrköpfige vermeintliche Fabelwesen aus, das am schottischen Loch Ness (und anderen Seen in Schottland) gelegentlich auftaucht. In der Ausstellung in Altreu wird das Loch-Ness-Geheimnis gelüftet: „Dahinter verbirgt sich der Fischotter (...) Wenn eine Familie unterwegs ist, kann leicht der Eindruck einer riesigen, ja mehrköpfigen Wasserschlange entstehen. Nebelschwaden tun ihren Teil dazu, und im Laufe der Jahre und Jahrhunderte entwickelten sich die Gerüchte.“
 
Das Hochstudhaus in Altreu
Das Loch-Ness-Geheimnis wäre damit also ein für allemal gelüftet, wenn auch zum Schaden des schottischen Fremdenverkehrs, für den ein Ungeheuer werbewirksamer als eine Otterfamilie ist. Wegen der Fischotterfreiheit kann die freie Schweiz nicht mit Ebenbürtigem aufwarten, schon gar nicht mit Ungeheuerlichem. Immerhin ist Altreu ein idealer Ausgangspunkt für Wanderratten. Zudem haben wir unseren Ballenberg, das Freilichtmuseum zwischen Brienz und Meiringen BE, das die Bau- und Wohnkultur der Schweiz vor Augen führt. Von dort kam 2007 das Hochstudhaus mit Wohnteil, Tenne und Stall unter einem tiefgreifenden Walmdach, wie man es im Schweizer Mittelland noch antrifft, nach Altreu, das seither zweckentfremdet als Informationszentrum dient. Die Wände bestehen aus handgehobelten Brettern, die Balken des Bohlenständerbaus wurden mit der Breit- und Schmalaxt behauen.
 
Darin lernt man jetzt nicht nur Baukultur, sondern auch Zoologie. Zwischen den Balken beziehungsweise Zeilen kann der Besucher erfahren, wie sensibel die Natur auf menschliche Eingriffe reagiert. Sie kennt keine Vergeltung, bestraft den Menschen nie, aber sie muss reagieren. Sie kann aufblühen oder sich zurückziehen, wertvolle Elemente aufgeben. Und wenn man ihr eine Gelegenheit bietet, meldet sie sich ohne Hast zurück, bis ihr der Mensch wieder im Wege steht, soweit einzelne Elemente nicht endgültig verloren sind.
*
Loch-Ness-Ungeheuer bereichern die Fauna nicht. Sie dienen der medialen Saure-Gurken-Zeit während der Sommerferien. Ob es diese nach alledem, was über Gurken kürzlich herumgeboten wurde, auch heuer noch geben wird, wird sich weisen.
 
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